Experten aus dem Raum Hildesheim zum neuen Heizungsgesetz: Freie Wahl, aber kaum mehr Planungssicherheit

Gebäudemoderniesierungsgesetz

Kreis Hildesheim – Gas- und Ölheizungen sind wieder ohne Weiteres erlaubt, die Förderung für Wärmepumpen sinkt. Fachleute aus dem Raum Hildesheim sehen das neue Gebäudemodernisierungsgesetz mit gemischten Gefühlen – denn viele Fragen zu Kosten und Planbarkeit bleiben offen.

Für alle, die in absehbarer Zeit ihre Heizung tauschen möchten, ist es gerade das große Thema: das Gebäudemodernisierungsgesetz. Am 10. Juli von Bundestag und Bundesrat verabschiedet, löst es das Gebäudeenergiegesetz ab. Neben zahlreichen weiteren Anpassungen fällt nun die sogenannte 65-Prozent-Regel weg – sprich: die starre Pflicht, neue Heizungen mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien zu betreiben. Damit herrscht bei der Heizungsart wieder freie Wahl. Auch Öl- oder Gasheizungen zu installieren, ist nun wieder uneingeschränkt möglich. Zugleich werden die Fördersätze für klimafreundliche Heizanlagen wie Wärmepumpen Schritt für Schritt ein ganzes Stück zurückgefahren.

Bußgelder bis zu 50.000 Euro

Durch diese Maßnahmen solle „Klimaschutz wieder alltagstauglich“ werden, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nach dem Kabinettsbeschluss. Doch ist dem wirklich so? Experten aus dem Raum Hildesheim sind skeptisch. Denn was nach mehr Freiheit klingt, macht die Entscheidung für Eigentümer nur auf den ersten Blick einfacher. Denn auch die neuen Regelungen sind komplex.

Der Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks warnt: „Das Gesetz enthält zahlreiche Ausnahmeregelungen, Übergangsvorschriften und Nachweispflichten, die bereits bei der Planung einer neuen Heizungsanlage berücksichtigt werden müssen. Werden Fristen versäumt oder erforderliche Nachweise nicht rechtzeitig geführt, drohen Ordnungswidrigkeiten und Bußgelder von bis zu 50.000 Euro.“ Die Schornsteinfeger raten deshalb dazu, „sich vor einer geplanten Sanierungsmaßnahme beraten zu lassen, um Fehlplanungen zu vermeiden“.

Die Wärmepumpe bleibt gefragt

Außerdem stellt sich die Frage: Lohnt sich die Wärmepumpe – im vergangenen Jahr erstmals die in Deutschland am häufigsten neu installierte Heizungsart – weiterhin, oder gerät sie nun ins Hintertreffen? Achim Thiesemann, Heizungsbauer aus Alfeld, macht sich da keine Sorgen. Die Nachfrage sei weiter hoch. „Die Technik ist gut und funktioniert“, betont er. Vorurteile, etwa dass Wärmepumpen im Altbau ungeeignet seien oder nur mit Fußbodenheizung funktionierten, hätten sich in den vergangenen anderthalb Jahren deutlich abgeschwächt. Auch weil inzwischen mehr Anlagen eingebaut seien und Nachbarn sehen könnten, dass die Häuser warm würden.

Die sinkende Förderung sieht Thiesemann zwar kritisch, empfindet sie aber nicht als Bruch. „Dass die Fördersätze sinken, war mir klar. Ich habe sie immer für sehr großzügig gehalten“, sagt er. Die neue Regelung sei zwar, für die betroffenen Handwerker genauso wie für die Kunden, zu kurzfristig gekommen, aber kein Totalschaden: „Die Förderung hört ja nicht ganz auf, sie wird nur abgeschwächt.“

Heizungsbauer begrüßt Entscheidungsspielraum

Ganz so eindeutig bewertet Michael Türk, Inhaber eines Betriebs für Sanitär-, Heiz- und Umwelttechnik aus dem Sarstedter Ortsteil Giften, die Lage nicht. Auch seine Firma baut viele Wärmepumpen ein. Bei Sanierung bekämen seiner Schätzung nach etwa sieben von zehn Häusern eine Wärmepumpe, drei erhielten ein Gasgerät.

Die neue Gesetzeslage bewertet er eher positiv. Sie gebe Eigentümern wieder mehr Entscheidungsspielraum. Die Möglichkeit, frei zu wählen, findet Türk wichtig – denn er warnt vor Standardlösungen: „Nicht zu jedem Gebäude passt eine Wärmepumpe“, betont er. Wenn die Umrüstung zum Beispiel unverhältnismäßig teuer würde, könne auch ein modernes Gasgerät vertretbar sein. Ohnehin, prognostiziert er, werde Gas als Energieträger beim Heizen so schnell nicht vom Markt verschwinden.

Bei der Beratung stehen bei ihm zwei Fragen im Vordergrund: Welche Heizung passt zum Gebäude? Und welche passt zu den Menschen, die darin leben? Gerade für ältere sei die Umrüstung auf eine Wärmepumpe oft nicht umsetzbar. „Wenn hohe Sanierungskosten anstehen und die Leute 75 Jahre alt sind, bekommen sie vielleicht gar keinen Kredit mehr“, sagt Türk. Dann müsse es möglich sein, eine bezahlbare Alternative zu finden.

Werden Gas und Öl zu Kostenfallen?

Auf lange Sicht bergen Gas- und Ölheizungen durch das Gebäudemodernisierungsgesetz jedoch auch ein Risiko: Das liegt an der sogenannten Bio-Treppe. Denn die Energielieferanten müssen fossilen Brennstoffen ab 2029 schrittweise immer mehr Bio-Gas oder -Öl beimischen, bis fossile Brennstoffe ab 2045 ganz verboten sein sollen. Welche Auswirkungen das auf die Preise haben wird, ist bislang allerdings unklar. Heizungsbauer Thiesemann aus Alfeld zweifelt an der praktischen Umsetzbarkeit. „Die Bio-Treppe halte ich für gut gemeint – aber wir haben das Biogas gar nicht für die Mengen“, sagt er.

Auch Frank Melchior, Energieberater und Geschäftsführer des Energie-Beratungs-Zentrums Hildesheim, sieht hier eine der größten offenen Fragen. „Haben wir diese Mengen überhaupt zur Verfügung? Und was kostet das eigentlich?“, fragt er. Melchior sieht das neue Gesetz insgesamt kritisch. Zwar schaffe es mehr technische Möglichkeiten. Ob daraus aber echte Planungssicherheit entsteht, bezweifelt er. „Mir fehlt da ein bisschen die Verlässlichkeit“, sagt er. Erst sei das Gebäudeenergiegesetz reformiert worden, nun werde erneut der Kurs verändert. Für Eigentümer, die im Einfamilienhaus viel Geld in eine Heizungsanlage investieren müssten, sei das schwierig. Zudem fragt er sich, ob der wieder offenere Umgang mit Öl- und Gasheizungen zum ausgegebenen Ziel passt, bis 2045 klimaneutral zu werden. „Wir dürfen jetzt wieder Öl- und Gasheizungen einbauen. Ich frage mich: Ist das der richtige Weg?“

Komplizierte Beratung, Probleme für Mieter

Auch die Beratung werde dadurch nicht leichter, sagt Melchior. Denn Eigentümer müssten heute nicht nur die Anschaffungskosten verschiedener Heizungsarten vergleichen. Sie müssten auch abschätzen, wie sich Gas-, Öl- und Strompreise entwickeln, wie hoch künftige CO₂-Aufschläge ausfallen und welche Förderprogramme in einigen Jahren noch existieren. Eine heute günstige Heizung könne später hohe Betriebskosten verursachen. „Ich verlagere die Kosten nur“, erklärt Melchior.

Problematisch findet das Gesetz Volker Spieth, Geschäftsführer des Mietervereins Hildesheim und Umgebung: Trotz in den Gesetzestext eingebauter Schutzmechanismen bestehe die Gefahr, dass Mieter doppelt belastet würden – durch steigende Heizkosten und Modernisierungsmieterhöhungen. Auch künftige Heizkostenabrechnungen könnten komplizierter werden. Fossile und nicht-fossile Brennstoffanteile müssten künftig separat ausgewiesen werden. Wie die Preisbestandteile berechnet werden sollen, sei aber nicht ausreichend klar. Für viele Mietparteien lasse sich so kaum noch prüfen, welche Kosten tatsächlich entstanden sind.

Die Wärmewende entscheidet sich im Altbau

Für den Raum Hildesheim kommt hinzu: Viele Gebäude sind Altbauten. Dort entscheidet sich laut Melchior, ob die Wärmewende gelingt. „Klimaneutralität schaffen wir nur, wenn wir vor allem an die Altbauten rangehen“, sagt er. Neubauten seien meist so effizient, dass sie kaum Probleme verursachen.

Eine wichtige Rolle bei der Energiewende könnte in der Region die kommunale Wärmeplanung spielen. In der Stadt Hildesheim etwa möchte die EVI ein Fernwärmenetz an den Start bringen. Doch Melchior dämpft die Erwartungen: „Fernwärme wird nicht jeden Haushalt versorgen können. Wir brauchen also Alternativen.“ Fernwärmenetze seien teuer und rechneten sich nur, wenn genügend Haushalte mitmachen. So bleibt oft doch die Wärmepumpe die Heizungsart der Wahl.

(c) 2026 Internetseite Hildesheimer Allgemeine Zeitung 23. Juli 2026 – 17:00 Uhr
aktualisiert 23. Juli 2026 – 17:12 Uhr
Nico Schwappacher

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