Jetzt haben auch die Eigentümer genug

Im Fahrenheitsviertel kämpfen Mieter gegen hohe Nebenkosten / Vermieter wechseln Hausverwaltung

 

Hildesheim. Je näher das Jahresende rückt, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch die Mieter im Fahrenheitsviertel in den nächsten Wochen wieder ganz spezielle Post bekommen. „Zu rechnen ist mit den Nebenkostenabrechnungen, die von der Reintei Hausverwaltung verschickt werden, wahrscheinlich wieder am letzten Tag des Jahres“, erklärt Volker Spieth, Vorsitzender des Mietervereins Hildesheim. Er hat in den vergangenen Jahren etwa 60 Mieter vertreten, die sich gegen überhöhte Nebenkostenabrechnungen zur Wehr gesetzt haben.

In den vergangenen zwei Jahren ist nicht viel, aber ein bisschen Bewegung in die Sache gekommen. Die Bewohnerinitiative Fahrenheit, die von Hans-Jürgen Striczinski und Horst Remy-Stepaniv geleitet wird, sitzt regelmäßig mit Vertretern der Stadt, des Mietervereins und der Caritas an einem Tisch, um sich auszutauschen. Ein Vertreter der Rentei Hausverwaltung hat sich bei diesen Treffen bislang nicht sehen lassen. „Die verweigern jeglichen Kontakt. Selbst wenn wir kaputte Haustüren reklamieren oder einen defekten Lichtschalter, dauert es manchmal wochenlang, bis jemand kommt“, berichtet Stroczinski. Dabei wird in den Nebenkostenabrechnungen stets auch ein Hausmeisterdienst in Rechnung gestellt.

Für Spieth hat der Austausch zwischen Bewohnern, Initiative, Caritas und Mieterverein schon erfolgreich funktioniert. „Wir haben in den vergangenen Monaten auch Kontakt zu einigen Eigentümern bekommen, die verwundert darüber waren, was hier passiert“, erzählt er. So haben sich auch unter den Eigentümern mittlerweile Kontakte gebildet, die dazu geführt haben, dass einige Eigentümer den Verwaltungsvertrag mit Rentei gekündigt haben. Schon sechs Wohneinheiten im Fahrenheitsviertel werden in Zukunft durch die Alpha-Hausverwaltungs GmbH betreut. Für die Mieter zählt das Signal, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten ernstgenommen werden und sie nicht für alle Eigentümer nur als Bewohner einer Geldanlage gesehen werden.

Für viele hingegen kommt der Wechsel zu spät. Mehrere Wohnungen in der Fahrenheitstraße stehen leer, die ehemaligen Mieter sind in andere Quartiere umgezogen, weil sie sich entweder den Streit um die hohen Nebenkosten nicht leisten konnten, oder weil ihnen das Jobcenter nahegelegt hat, sich eine neue Wohnung zu suchen. „Transferempfänger können vom Jobcenter dazu aufgefordert werden, wenn die Höhe für die Unterkunft und die Betriebskosten über dem Regelsatz liegen“, klärt Jörg Piprek von der Caritas auf. In vielen Fällen hat das Jobcenter die zu hohen Betriebsabrechnungen auch bezahlt.

Den Weg, gegen die Rentei und die hohen Abrechnungen zu klagen, hat bislang jedoch noch kein Mieter gewählt. Die Kosten für eine solche Klage können sich die meisten nicht leisten. Warum die Rentei seit Jahren den Weg geht, Fortzüge aus dem Fahrenheitsviertel in Kauf zu nehmen, fragt sich Spieth schon länger.

Denn Gentrifizierung im klassischen Sinne könne im Fahrenheitsviertel nicht gewollt sein. Zuzüge von Bewohnern mit höherem Einkommen wird es dort nicht geben. „Antworten werden wir von Rentei darauf aber wohl nicht bekommen“, sagt er. Immer noch betreut er rund 20 Mieter im Streit mit der Rentei. Er ist gespannt, wie viele neue Fälle er am Ende des Jahres hinzu bekommt.

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(c) 2014 Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 04.10.2014
                Von Oliver Carstens