Ich sehe eine Wohnungsnot für bestimmte Mietergruppen

Volker Spieth
Geschäftsführer des
Mietervereins Hildesheim

Hildesheim
– Volker Spieth ist Geschäftsführer des Mietervereins Hildesheim. Im HAZ-Interview lobt er das Engagement der Baugesellschaften, günstige Wohnungen zu schaffen. Doch von anderen erwartet Spieth mehr Einsatz.

Nach einer Auswertung des Portals Immowelt sind die Mieten in Hildesheim erneut angestiegen: Demnach lag die Durchschnittsmiete für Neuvermietungen im ersten Halbjahr 2019 bei 7 Euro, im ersten Halbjahr 2020 bei 7,40 Euro. Deckt sich das mit Ihrer Bewertung des Marktes?

Dies ist eine Mietpreisentwicklung, die ich so bestätigen kann. Um aber wirklich belastbare Aussagen machen zu können, müssen wir die Werte des aktualisierten Mietspiegels abwarten.

In Onlineforen gibt es immer wieder Diskussionen mit zahlreichen Menschen, die in Hildesheim Wohnungen suchen und sich über fehlende Angebote beklagen. Würden Sie sagen, dass in Hildesheim Wohnungsnot herrscht?

Ich sehe in Hildesheim durchaus eine Wohnungsnot, und zwar insbesondere für einkommensschwache Mieterhaushalte und für bestimmte Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Wohnungslose oder Menschen mit Migrationshintergrund.

Spielen die Mietpreise in der Beratung des Mietervereins heute eine größere Rolle als früher?

Ja, Mietpreiserhöhungen sind, ob als Vergleichsmieterhöhung oder nach Modernisierung, das inzwischen zweithäufigste Thema nach dem „Beratungsklassiker“ Nebenkosten.

Erwarten Sie oder gibt es bereits einen vermehrten Beratungsbedarf, weil Mieter aufgrund von Corona-Krise und Jobverlusten oder Kurzarbeit ihre Mieten nicht mehr zahlen können?

Aktuell können wir im Mieterverein einen steigenden Beratungsbedarf verzeichnen, allerdings – noch – nicht in nennenswerter Anzahl aufgrund coronabedingten Mietzahlungsproblemen.

Die gbg beginnt in diesen Wochen mit dem Bau von Sozialwohnungen an der Stralsunder Straße, auch an der Pippelsburg sollen noch welche entstehen. Reicht das Ihrer Ansicht nach, oder müssten die Stadt und die hiesigen Wohnungsbaugesellschaften noch mehr für günstigen Wohnraum einsetzen?

Ich habe den Eindruck, die Wohnungsbaugesellschaften unternehmen derzeit sehr viel, um ihren Bestand an Sozialwohnraum zu erhöhen. Dennoch reicht das nicht aus, um auf die im Wohnraumversorgungskonzept bis 2025 für Hildesheim geforderten zusätzlichen 500 Sozialwohnungen zu kommen. Auch die private Wohnungswirtschaft muss in die Verantwortung genommen beziehungsweise motiviert werden, nicht nur im Hochpreissegment zu investieren, sondern zudem bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. So ist außer dem Bund und dem Land auch die Stadt gefordert, entsprechend die Rahmenbedingen zu ändern und vermehrt Fördermittel bereit zu stellen.

(c) 2004 Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 01.09.2020
Jan Fuhrhop